08.06.-10.6.2014

Veröffentlicht am: Autor: Walter Gerig

China ChinaDer heutige Gastbeitrag kommt von meiner Mitreisenden Ellinor v. Kauffungen, einer ehemaligen Radio und Fernsehjournalistin. Wir werden in Zukunft abwechselnd von unserer „Voyage“ berichten, einmal dilettantisch, amateurhaft und das andere mal profimässig.

 

Vous avez mangé le pain blanc

Von  Ellinor von Kauffungen

„„Vous avez mangé le pain blanc“, hatte uns François in Dunhuang gewarnt. Tatsächlich ist die Strecke von Golmud nach Lhasa landschaftlich höchst reizvoll, fordert aber von Menschen und Autos ihren Tribut. Fast unmerklich steigen wir an, durchqueren canyonartige Gegenden, zahlreiche Hochebenen und ebensoviele polizeiliche Checkpoints. Militärkonvois kommen uns entgegen mit Spruchbändern wie „Je mehr Manöver desto weniger Blut“, auf der Tibetbahn fahren Panzer nach Lhasa. Die Furcht vor Anschlägen ist greifbar.

Fast unmerklich steigen wir an, der höchste Pass liegt auf 5200m. Zu unserer Rechten und Linken die ersten 6-7000er mit ihren Schneekuppen und abschmelzenden Gletscherzungen beeindrucken. Wir begegnen auch immer wieder chinesischen Velofahrern: offenbar gilt es als hip, die Strecke Bejing-Lhasa (immerhin rund 4000km, davon 1000 auf Höhen von 3500 bis 5000m!) auf dem Stahlesel zurückzulegen.
Die Gegend gilt als Wasserschloss Chinas: hier entspringen u.a. der Gelbe Fluss, der Yangtse sowie der Mekong. Entsprechend fruchtbar die Hochebenen, mit Himalaya Antilopen, Wildeseln sowie Hunderttausenden weidender Yaks und Schafe. Beeindruckend ist die Tibetbahn, der wir fast die ganze Strecke folgen: was da an Kunstbauten, Brücken, Dämmen und Pfeilern über 1000km – grösstenteils im Permafrost – erbaut wurde, ist eine Meisterleistung der Ingenieurkunst!

Unsere nächste Übernachtung liegt auf 4600m. Die 1800m Höhenunterschied zu gestern sind zuviel für unsere Körper: Atemnot, rasendes Kopfweh und Brechreiz befällt fast alle. Die Weiterfahrt am Pfingstmontag wird zum Lazarett – doch damit nicht genug: kurz nachdem wir den höchsten Pass mit 5200m und damit die Grenze zur Autonomen Region Tibet passiert haben, streikt Wagen Nr. 1 und François gelingt es nicht, den verrussten Partikelfilter wieder auszupusten. Geschlagene vier Stunden warten wir auf 5000m auf das Abschleppfahrzeug, das auch gleich Wagen Nr. 4 mitnimmt, wo die gleichen Probleme auftreten.

Die „Pannenpassagiere“ zwängen sich in die noch fahrtüchtigen Autos, und mit 40km/h müssen wir als Konvoi weiterfahren. Unser Ziel Nakchu erreichen wir nicht mehr und übernachten mehr schlecht als recht in Amdo (wiederum auf 4600 m gelegen), wo man Touristen nicht kennt; aber wir sind froh, zumindest ein Bett (wenn auch kein Wasser) zu haben. Das Schlafen ist wiederum eine Qual: viele tun kein Auge zu und kämpfen erneut mit Kopfweh, Brechreiz und Atemnot.

In der Nacht sind aus Lhasa zwei Abschleppfahrzeuge und ein Kleinbus gekommen und nehmen Wagen und Passagiere mit. Wir folgen wiederum als Konvoi mit 40 km/h. Es wird immer später. Die letzten rund 80km geht es dann hinab durch eine tiefe Schlucht, sodass wir Lhasa gegen 21h30 todmüde erreichen, aber froh sind um ein gutes Hotel und eine Nacht mit tiefem erholsamen und beschwerdefreiem Schlaf auf „nur“ 3600m!

 

Print Friendly, PDF & Email