08.07.2014

Veröffentlicht am: Autor: Walter Gerig

Tanzen mit den Babuschkas

Von Ellinor v. Kauffungen und Walter Gerig

Russland Nachdem wir am Morgen noch entlang der pittoresken Küste des Baikal Sees mit ihren bizarren Felsen und hübschen Wäldern fahren (wo in Turka auch bereits die Infrastruktur für die touristische Entwicklung erstellt wird, sodass es mit der abgeschiedenen Beschaulichkeit wohl bald einmal vorbei sein dürfte), besuchen wir auf der Rückfahrt nach Ulan Ude noch ein Mini-Ballenbergmuseum sowie eine buddhistische Tempelanlage. Hier stösst auch wieder unser zweiter Guide Chingiss zu uns der uns bis nach Wladiwostok begleiten wird. Danach geht die Fahrt weiter auf einer holprigen Nebenstrasse durch ein ehemaliges militärisches Sperrgebiet für das sogar die Einheimischen zu Sowjetzeiten einen Passierschein brauchten. Hinter einem Zaun konnten wir ein riesigen stillgelegten Militärkomplex erspähen mit einem enormen Materialfriedhof voll von rostigem Militärschrott; Panzern Lastwagen und weiterem Kriegsgerät. Dann näherten wir unserem Bestimmungsort Novaya Bryan.

Das erste was wir sehen war eine gespenstige Industriebrache einer ehemaligen Landmaschinenfabrik. Gleichzeit zieht ein heftiges Gewitter auf, es giesst in Strömen in diesem kleinen Dorf, wo sog. Alt-Orthodoxe leben. Diese hatten sich der letzten Religionsreform vor ca. 300 Jahren verweigert um an ihren alten Riten festzuhalten- Sie wurden daher vom Zar auf Betreiben der kirchlichen Obrigkeit aus Westrussland hierher deportiert. Inzwischen haben sie sich vermischt und von ihrem Anderssein ist kaum was übrig geblieben. In einem der typischen Blockholzhäuser mit grossem Tonofen in der Küche und kleinen Zimmern empfangen uns vier adrett zurecht gemachte Babuschkas (alte Mütterchen) in ihren bunten Trachten, singen und tanzen mit uns und sind stolz auf ihre über 70 Jahre. Im  Hinterhof mit Gemüsegarten haben sie im Freien eine grosse Tafel gerichtet. Gottlob hat es zu regnen aufgehört, sodass wir uns im Trockenen fürstlich bewirten lassen. Eine gewaltige Flasche Samogon (selbstgebrannter Schnaps) macht die Runde, ausserdem roter und gelber Beerenschnaps; die Babuschkas werden nicht müde, uns mit Trinkssprüchen zum Trinken (“Ex”, versteht sich) zu animieren, Andrej, ein schlaksiger Jüngling mit rauchiger Stimme, begleitet auf dem Akkordeon melancholische Weisen, die Babuschkas singen und wir bald mit ihnen, derweil die Männer das Essen auffahren. Angeleitet werden sie von Elena, die mit dieser “Begegnung mit Landsleuten” eine Art Agroturismo erfunden hat und riesig stolz ist, zum ersten Mal eine Gruppe von Schweizern zu begrüssen. Später versorgen wir die Autos in einem Innenhof, ein paar Unentwegte gehen noch kurz in die “Banja”, die typisch russische Sauna, wo man sich mit Birkenzweigen schlägt, um die Hautdurchblutung zu fördern. Die Nacht verbringen wir verteilt auf zwei Privathäuser sowie das Massenlager im Schulhaus, wir im Wohnzimmer der Babuschkas, wo Andrej nochmals aufspielt, bis Elena energisch zum Abbruch drängt.

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