17.06.-20.06.2014

Veröffentlicht am: Autor: Walter Gerig

VIPs in den Weiten Westtibets

Von  Ellinor von Kauffungen

China ChinaAbgesehen von unseren Autosorgen war unsere Ab- und Weiterreise von Lhasa Richtung Westen geprägt von Überraschungen. Dass wir nach tagelangem Hin und Her nun plötzlich doch noch unsere „Wunschstrecke“, die nördliche Strasse Nr. 219 durch Westtibet befahren durften, verdanken wir dem Verhandlungsgeschick unseres umtriebigen und unentbehrlichen Zhang und vermutlich glücklicher Fügung. Erst später erfuhren wir, dass wir die einzigen und ersten Touristen waren, welche seit dem 20. Mai die Bewilligung für diese Route vorbei am Mt. Kailash erhalten haben. Die Gegend ist seit einem Monat nur Pilgern zugänglich, welche wegen des alle zwölf Jahre stattfindenden Saka Dawa-Festes aus Anlass des Jahrs des Pferdes (das eben ausgerechnet jetzt war) zu Hunderttausenden hierher strömen, ist der Kailash doch sowohl Buddhisten, Hindus wie der Bön-Religion das Allerheiligste. Vermutlich zur Gesichtswahrung wurde uns von der Präfektur eine Art VIP-Status zugebilligt. Was auch erklärt, weshalb bereits bei der Abfahrt aus Lhasa die Polizei den Verkehr aufhielt, damit wir ungehindert in die Hauptstrasse einbiegen konnten, wir an allen Strassenkreuzungen – ungeachtet ob die Ampel rot oder grün zeigte – durchgewinkt wurden und an den Checkpoints die Polizisten stramm standen und salutierten. Zudem wurde uns ein lokaler Guide zugeordnet, und ein Behördenauto begleitete uns auf der ganzen Strecke. In Lhaze gesellte sich noch ein zweiter Wagen mit Verantwortlichen der Tourismusbehörde hinzu, welcher in der Nacht aus Ali angereist war und fürderhin als Eskorte unseren Konvoi anführte. So kamen wir natürlich zügig voran.

Fortan bewegten wir uns konstant auf einer Höhe von 4000 bis 5000 müM, mal etwas mehr, mal etwas weniger. Die Ausblicke und die Weite, die wir in den folgenden Tagen im wahrsten Sinn des Wortes er-fahren durften, lässt sich in Worte nicht fassen, man müsste Malerin oder Poetin sein dazu. Hinter jedem der unzähligen Pässe, die wir überquerten (es waren unzählige!), bot sich uns ein neues, atemberaubendes Bild. Die Berge – mal schroffe Wände, dann sanfte, fast dünenartige Hügel (mit Höhen von notabene über 6000m!) – sehen aus, als hätte ein Maler seine Farbpalette darüber ausgegossen: von eierschalen- oder sandfarben über ockergelb, petrolgrün, weinrot, schiefergrau bis  nachtschwarz. Und wenn sich dann plötzlich nach einer weiteren Bergkuppe der Blick auftut auf einen türkisblauen See mitten in der ariden Wüstenlandschaft, und dann noch einen, oder auf kilometerlange Dünenlandschaften mit ihren Rippen und weich geschwungenen Formen im Abendlicht, dann kann einem ob der Schönheit und Erhabenheit schon mal der Atem stocken. Und immer wieder Wildtiere: Gazellen, Antilopen, Kraniche, domestizierte Schaf- und Yakherden bilden die Kleckse in der kargen Steppenlandschaft. Der heilige Mt. Kailash zeigt sich uns von seiner fast wolkenlosen schönsten Seite, und wir haben das Privileg – nach einem kurzen Abstecher zum ebenfalls heiligen Manasarovar-See -, in seinem Angesicht in einem hübschen und neu erstellten Tibeter-Zeltcamp mitten in der Steppe zu Mittag zu speisen. Die Achttausender allerdings – Everest, K 2, Gasherbrum und Broad Peak -, die eigentlich „in der Nähe“ wären, verweigern sich uns.

Die Unterkünftige sind einfacher, die Guesthouses ein Erlebnis. Karge Zimmer mit nichts als ein paar Bettgestellen mit Kissen und Decken sowie eine einsame Glühlampe, vom Generator gespiesen und nachts demzufolge ausgeschaltet. Wasser zum Waschen aus Kübeln, luftige Klos im mit Abfall übersäten Hinterhof, wo es schon einiger Geschicklichkeit bedarf, um für seine Notdurft die Spalten zwischen den lose verlegten Brettern zu treffen.

Unsere beiden Eskorten begleiten uns bis zur „Grenze“, wo Westtibet aufhört und Aksai Chin beginnt, eine Gegend, welche von China verwaltet, aber von Indien beansprucht wird und zur Provinz Xinjiang gehört. Wir bedanken uns für die Sonderbehandlung und Ehre mit kleinen Gastgeschenken und fahren fürderhin wieder „alleine“ weiter. Der Zeit, die wir dank unseres Status als VIP eingespart haben, gehen wir bald wieder verlustig, als wir am letzten Tag (es ist kühl und regnerisch, zum ersten Mal schneit es) in Mazar aufgehalten werden wegen der Verschiebung eines Panzerkonvois, der die Strasse stundenlang blockiert. Stoisch vertreiben wir uns die fünfstündige Wartezeit mit Lesen und Jassen. Einmal mehr werde ich gewahr, wie wertvoll unsere eigene „beste Armee der Welt“ ist. Eines haben die Männer dort sicher gelernt: zu jassen und zu „schnorren“. Aber zu früh gefreut Walter: sobald Du das nächste Mal mit mir als Partnerin spielst, wirst auch Du verlieren!

Am Checkpoint 100km vor unserem Etappenziel Yecheng verlieren wir nochmals eine Stunde. Wir nähern uns dem „heissen“ Uigurengebiet, und da nimmt man es mit den Kontrollen höchst genau. Tatsächlich ändern sich ab hier schlagartig die An- und Aussichten: ab sofort dominieren turkstämmige muslimische Uiguren mit ihren westlichen Gesichtszügen, weissen Käppi und bekopftuchten Frauen das Strassenbild. Landschaftlich verabschiedet sich Tibet von uns mit gewaltigen und furchteinflössenden Schluchten, die dem Grand Canyon in nichts nachstehen. In engen Kurven windet sich die nur teilweise geteerte Strasse entlang der unbefestigen Hänge in höchste Höhen und steil wieder hinab, und es empfiehlt sich, nicht zu nah am Abgrund zu fahren – den Sturz in die Tiefe würde wohl niemand überleben. Steinschlag und kleine Erdrutsche machen die Strasse teilweise schwer passierbar – leicht vorzustellen, was da runterkommt, wenn es mal richtig regnet! Spät kommen wir in Yecheng an und verkriechen uns bald müde und erschöpft in unseren Betten.

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