24.06.-25.06.2014

Veröffentlicht am: Autor: Walter Gerig

Der heutige Beitrag stammt von Ursula Mosberger, Hotelière aus dem Tessin. Es scheint das meine weiblichen Mitreisenden viel schreibfreudiger sind als die Männer. Danke Ursula für den Beitrag.

Ürümqi – Die liebliche Weide

Von Ursula Mosberger

China China“Ein Stadtplan sagt uns alles, was wir wissen wollen, nur nicht wie wir ihn wieder zusammenfalten.” Mein Stadtplan von Ürümqi hingegen lässt sich leicht zusammenfalten – er nützt mir aber nicht, da er auf chinesisch geschrieben ist! So bleibt mir nichts anderes übrig, als einfach loszulaufen und hoffen, später das Hotel wieder zu finden.

Könnte es sein, dass eine Stadt uninteressant wirkt, nur weil sie niemand von uns kennt? Die 3,2 Mio. Einwohner zählende Hauptstadt hat keine Sehenswürdigkeiten. Und doch: es lohnt sich, hier zu schlendern und zu beobachten.

Eine Vielfalt von knalligen Farben, betäubenden Geräuschen und anderen kunterbunten Eindrücken stürzt – nach der Leere der Taklamakan-Wüste – auf mich ein; Taxifahrerinnen, die ihre japanischen Flitzer geschickt durch die kleinste Lücke steuern. Junge Frauen auf sauber blitzenden Motorrädern, mit rot geschminkten Lippen in bunten Strümpfen und Shorts. Strassenkehrer, die sich Mühe geben, genug Staub aufzuwirbeln, um den die Stadt um über 4000 Meter überragenden Bogdo Ola-Gebirgszug zu verhüllen. Han-Chinesen in Anzug und Krawatte, Teenager im Minirock und wohlbeleibte muslimische Frauen gehen ihren Einkäufen nach. Ein Schuster repariert auf dem Gehsteig meine Sandalen. Uiguren bereiten die verschiedenen Grillspiesschen vor. Im Park neben der Pagode paddeln Familien in bunten Booten durch den Mini-Teich, Männer mieten sich Angelruten und Kinder werden wie immer mit Süssigkeiten verwöhnt.

Wenngleich die Umgebung von Urumqi überwiegend türkisch-uigurisch geprägt ist, stellen die Chinesen eindeutig die Mehrheit der Stadtbewohner. Und das ist durchaus nicht erst eine Erscheinung der Moderne. Urumqi, ist aus dem chinesischen Dihua hervorgegangen, das vor über zwei Jahrhunderten zur Hauptstadt der Vielvölkerregion Xinjiang, gemacht wurde. Ihren heutigen mongolisch-türkischen Namen erhielt die Stadt erst 1954, also fünf Jahre nach Gründung der Volksrepublik China. Er soll die Verbundenheit des Landes mit der türkisch-mongolisch-kasachischen Umgebung symbolisieren. Das Stadtgebiet umfasst fast 12’000 Quadratkilometer.

Die Hui, chinesische Muslime, betreiben viele der köstlichen Nudelrestaurants, in denen ich immer wieder fasziniert das kunstvolle Schleudern und Herumwirbeln des Teigs beobachte. Die heutigen Uiguren bilden die zweitstärkste Bevölkerungsgruppe in der turkestanischen Metropole. Darüber hinaus gibt es Kasachen und Mandschus, außerdem wenige Mongolen, Xibo, Usbeken und sogar hier aufgewachsene Russen. Spuren der Geschichte als Drehscheibe auf den zentralasiatischen Handelsstrassen.

Seit der wirtschaftlichen Liberalisierung Chinas und vor allem der rasch voranschreitenden Erschließung von Xinjiangs Bodenschätzen, unter denen Kohle und Erdöl an erster Stelle zu nennen sind, hat sich aus der grauen Maus ein – für zentralasiatische Verhältnisse – buntgefiederter Phoenix entwickelt. Geschäfte, so weit das Auge reicht: Nobelkaufhäuser und kleine Boutiquen, immer wieder Tante Emma-Läden.

Die 40 Grad bei unserer Ankunft sind verflogen – die Temperaturen sind angenehmer geworden. Nur den Bogdo Fen (5’445 m) sehen wir wegen Dunst nicht. Seine Gletscher sind es, die das Wasser für die „Liebliche Weide“ liefern. Von meinem schönen Zimmer aus de 19. Stockwerk (wo ich das Dolce far niente ausgiebig geniesse) wirkt der Lärm gedämpft. Die Stadt mit ihren an amerikanische Skylines erinnernden Hochhäusern, wirkt eigentlich wie ein Moloch, wenn man sie aus den angrenzenden Wüsten- und Gebirgslandschaften betritt. Aber sie ist sehr angenehm, um sich für die anstrengende Weiterfahrt in die Mongolei und Sibirien zu erholen!

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