30.06.-02.07.2014

Veröffentlicht am: Autor: Walter Gerig

Furten in den Fluten

Von Ellinor von Kauffungen

Mongolei MongoleiAls erstes lässt die Autorin ihre Mitgefährten warten – ihr Handy hat auf die (nicht mehr existierende) mongolische Zeit umgestellt und sie erst um 8h statt 7h geweckt. Aber Warten sind wir ja mittlerweise gewohnt… Dafür ist die Weiterfahrt eine Wohltat. Gute, geteerte Strasse über 100 km – bis Balou wieder auf die Piste abzweigt, weil die Hauptstrasse von da an in miserablem Zustand sei. Zwischenhalt in einer Goldgräbersiedlung, wo wir im Ger („Jurte“ ist ein russischer Begriff und wird von den Mongolen nicht verwendet) von Balou‘s Vater mit Buttertee, Schafskäse und Joghurt bewirtet werden. Die Regierung hat die Schürfrechte allerdings inzwischen an eine ausländischen Gesellschaft vergeben, so dass es mit der illegalen Goldsuche wohl bald ein Ende haben wird.

Der viele Regen des Vortages beschert uns einen abenteuerlichen Nachmittag. Immer wieder müssen wir furten, selbst die Pisten sind teilweise zu Bächen geworden. Die Fahrer müssen hochkonzentriert sein, um uns durch Schlamm, Dreck und Löcher zu manövrieren, aber auch den Beifahrern verlangt die Schüttel- und Holperfahrt einiges ab. Höhepunkt ist der Baydrag Fluss, der sich in einen mehrarmigen, ziemlich reissenden Strom verwandelt hat.

Die Leute hier haben daraus flugs ein Business gemacht und stehen mit Traktoren und Stahlseilen bereit, die Fahrzeuge für 10$ durch die braundreckige Strömung zu ziehen. Die weiteren Flüsse und Bäche meistern wir wiederum ohne fremde Hilfe. Als allerdings unser Etappenziel Bayankhongor bereits in Sichtweite ist, bleibt Balou mit seinem Fourgon im Fluss stecken: sein Motor streikt. Jetzt ist Martin in seinem Element und kann zeigen, was er und sein Toyota alles drauf haben: er krempelt die Hosen hoch, zieht die Seilwinde aus, watet in die Fluten und kann nicht nur Balou, sondern noch einen mongolischen PW aus ihrer misslichen Lage befreien. Abends im Hotel treffe ich Yvonne, die ich seit 32 Jahren nicht mehr gesehen habe und die mit ihrem Toyota seit 3 Monaten unterwegs ist: von Russland ist sie in die Mongolei eingereist und will weiter via Zentralasien, Pamir, Georgien nach Europa – open end, und das notabene mit 70 und mutterseelenallein.

Am nächsten Morgen fahren wir weiter ostwärts, Richtung Kharkorin. Geteerte Strasse, Picnic und Spaghetti Napoli in der sonnigen Wüste, unterhalb eines riesigen Pferde-Denkmals auf dem Hügel, mit Pferdestatuen, Pferdekopfskeletten und 108 Stupas mit den Namen der Sponsoren. Ab und zu kommt ein Auto mit Pferdeanhänger, die hier vermutlich ihre liebsten Tiere segnen lassen. Das Pferd ist DAS Tier der Mongolen, und wir passieren am Nachmittags unzählige grosse freilaufende Pferdeherden. Die Teerstrasse haben wir wieder zugunsten einer Piste verlassen, die karge Steppe verwandelt sich in üppige Weiden, und die Pferde, Schafe, Ziegen und Kühe bilden fotogene schwarz-braun-weisse Punkte im satten Grün der Landschaft. Wiederum wird es bewölkt, aber wir durchqueren die Gewitterfronten nur mit wenig Regen. In Kharkorin (bei uns als Karakorum besser bekannt) beziehen wir unser Ger Camp, wo jedes seine eigene einfache Schlafjurte mit Bett und Ofen bezieht, der abends eingeheizt wird. Nach dem Essen nur für uns eine Folklorevorführung mit Pferdekopfgeige und -bass, Zither, dem sonoren tiefen Kehlkopfgesang und einer Schlangenfrau.

Bewölkt und kühl ist es am nächsten Morgen. Wir verabschieden unsere Küchenmannschaft, besichtigen die Überreste von Erdene Zuu, dem grossen Klosterkomplex, der in den 1930er Jahren durch die Stalinisten bis auf drei Tempel dem Erdboden gleichgemacht wurde. 1965 erlaubten die Kommunisten, die Überreste wieder zugänglich zu machen, aber nur als Museum. Inzwischen leben – nachdem die Religionsfreiheit wieder zugelassen ist – wieder in paar Mönche auf dem Gelände.

Die heutige Etappe ist mit 100 km kurz, aber die schlaglochübersäte Teerstrasse auch kein Vergnügen, so dass wir auch diesmal immer wieder auf die noch angenehmeren Pisten ausweichen. Am frühen Nachmittag erreichen wir die Dünen von Mongol Els, wo wir ein recht luxuriöses GerCamp beziehen mit geräumigen, gepflegten Jurten. Süsses Nichtstun am Nachmittag lädt unsere Batterien wieder auf und ein Spaziergang über die Dünen im Abendlicht ist ein besonderes Erlebnis.

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